“Quo Vadis” VfB Stuttgart: Die Krise des Deutschen Meisters
aus Worldcupwiki
12. Oktober 2007 - Rückblende, Mai 2007, der VfB Stuttgart ist gerade zum fünften Male Deutscher Fußballmeister geworden. Die gesamte Stadt Stuttgart erstrahlt in einem weiß-roten Farbenmeer. Verein und Fans sind endlos begeistert. Weitere Fußballfeste, national und international, scheinen vorprogrammiert. Die junge erfolgshungrige Mannschaft, dazu mit einigen zusätzlichen Leistungsträgern für die neue Saison verstärkt, verspricht eine noch erfolgreichere Zukunft erst vor sich zu haben.
Was ist bloß mit dem VfB Stuttgart los
Doch keine fünf Monate später folgt die Ernüchterung. Was ist bloß mit dem VfB Stuttgart los!? Diese Frage stellt sich jedenfalls automatisch, wenn man auf die aktuelle Bundesligatabelle blickt und den aktuellen deutschen Meister dort auf einem Platz irgendwo zwischen dem VfL Wolfsburg und Arminia Bielefeld - sprich Rang 12 - erspäht. Insgesamt schon fünf Niederlagen nach nur neun Bundesligaspieltagen stehen zu Buche. Rechnet man auch noch die beiden gegen Glasgow und Barcelona verlorenen Champions League Spiele mit ein, ergibt sich daraus die für einen aktuellen Deutschen Meister erschütternde Startbilanz von sieben Niederlagen nach zwölf (inklusive DFB-Pokal) gespielten Partien.
Was ist da schief gelaufen, wie lässt sich dieser rasante und vollkommen unerwartete Absturz erklären? Analysiert man den bisherigen Saisonverlauf des Vereins logisch, muss man konstatieren, dass diese Krise wahrscheinlich durch eine Kombination von mehreren im Verlauf der Saison akut aufgetretenen Problemfaktoren ausgelöst wurde. Leicht vereinfacht dargestellt, kann man wohl insgesamt fünf Hauptproblemfaktoren (”Holprige Saisonvorbereitung”, “Geringes Durchschnittsalter/Unerfahrenheit”, “Viele Verletzungen”, “Neuzugänge”, “Mangelnde Einstellung”) als verantwortlich für den miserablen Saisonstart ansehen. Diese fünf Faktoren lassen sich wiederum in vereinsunabhängige Faktoren und vereinsabhängige Faktoren unterteilen. Vereinsunabhängige (”Holprige Saisonvorbereitung”, “Geringes Durchschnittsalter/Unerfahrenheit”, “Viele Verletzungen”) Faktoren sind dem direkten Einfluss durch Entscheidungen oder Handlungen der Hauptfunktionsträger des Vereins weitestgehend entzogen. Sie werden hauptsächlich durch äußere Einflüsse oder nicht änderbare Tatsachen gesteuert. Vereinsabhängige Faktoren (”Neuzugänge”, “Mangelnde Einstellung”) dagegen kann der Verein durch die Entscheidungen seiner handelnden Personen direkt beeinflussen und steuern. Diese Faktoren sollten aus Sicht der Verantwortungsträger des Vereins also im Vordergrund stehen, wenn man versuchen will die Geschicke wieder in eine andere Richtung zu lenken.
Im Folgenden werden nun, die einzelnen Ursachen jeweils kurz erläutert und ihre möglichen Auswirkungen auf den bisherigen Saisonverlauf aufgezeigt.
Faktor “Holprige Saisonvorbereitung”
Um es kurz zu sagen, die gesamte Saisonvorbereitung des VfB Stuttgart für die neue Spielzeit stand unter keinem guten Stern. Die Mannschaft war nie komplett. Ständig fehlten verletzte (u.a. Gómez, Delpierre, Bastürk, Khedira, Hitzlsperger), an ihre Nationalmannschaft abgestellte (Pardo, Osorio), und/oder wegen langanhaltenden Transferhickhacks mit ihren alten Vereinen (Ewerthon, Marica) noch nicht einsetzbare Spieler in den verschiedenen Trainingslagern der Saisonvorbereitung. Deswegen konnte man sich auch kaum einspielen und gegenseitige Laufwege abstimmen. An ein gezieltes Teambuilding unter Einbeziehung der Neuzugänge war erst recht nicht zu denken. Des Weiteren sollten bei dieser Saisonvorbereitung ja auch die konditionellen Grundlagen des Kaders für die Hinrunde gelegt werden. Bei so vielen Absenzen aber quasi ein Ding der Unmöglichkeit.
Aus dieser holprigen Vorbereitung lassen sich viele Phänomene im Spiel der Schwaben leicht erklären. Im Zusammenspiel fehlt es an der Abstimmung. Insbesondere die Neuzugänge scheinen die Laufwege und die Positionen ihrer neuen Mitspieler immer noch nicht richtig verinnerlicht zu haben. Oftmals fehlt die Bindung zu Spiel und Mitspielern. Des Weiteren sind auch konditionelle Defizite eindeutig auszumachen. So hat der VfB auffallend viele Gegentore in der zweiten Halbzeit zu verzeichnen. Wenn die Mannschaft in Rückstand gerät, fehlt augenscheinlich auch das letzte Quäntchen an Kraft und Energie, das man bräuchte, um sich durch vermehrten Einsatz wieder zurück ins Spiel zu kämpfen. Vielmehr wirkt die Mannschaft bei Rückständen ausgebrannt und unfähig noch zuzulegen. Gerade dies aber war eine der besonderen Stärken aus der Meistersaison.
Faktor “Geringes Durchschnittsalter/Unerfahrenheit”
Wenn man die aktuelle Mannschaft des VfB Stuttgart bewertet, darf man einen Punkt niemals außer acht lassen. Viele Spieler mit tragenden Rollen in dieser Mannschaft sind sehr jung und deshalb auch noch sehr unerfahren. Stammspieler wie Khedira oder Tasci sind gerade einmal 20 Jahre alt. Andere wie Gómez, Farnerud, Hilbert und Marica sind kaum zwei Jahre älter. Dementsprechend gering ist auch das Durchschnittsalter des gesamten Teams. Gerade junge und unerfahrene Spieler sind aber noch starken Leistungsschwankungen ausgesetzt. Da darf es nicht verwundern, wenn sie mal einige schwächere Phasen aufweisen und spielentscheidende Fehler begehen.
Darüber hinaus sind diese jungen Spieler plötzlich in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Für so junge Spieler ist es sicher nicht einfach, damit umzugehen. Darunter kann auch mal die Konzentration aufs Wesentliche im Berufsbild eines Fußballprofis leiden. Bei einigen jungen Spielern im Trikot des VfB Stuttgart scheint dieses Problem derzeit gerade aufzutreten. Man sollte aber dennoch weiter Geduld mit ihnen haben und ihnen eine auch mal eine solche Lernphase zugestehen.
Faktor “Viele Verletzungen”
Der bisherige Saisonverlauf des VfB Stuttgart ist von vielen Verletzungen geprägt. Seit der Saisonvorbereitung gab es kaum einen Spieler, der nicht mal für ein oder mehrere Spiele ausgefallen ist. Angefangen von Delpierre über Gómez, Bastürk, Cacau oder jetzt Boka, es sind immer wieder wichtige Schlüsselspieler über einen längeren Zeitraum hinweg ausgefallen. Für einen Verein mit einem relativ kompakten Kader wie den VfB Stuttgart sind diese vielen Ausfälle auf die Dauer einfach nicht zu kompensieren. Klar ist es zu einfach, die schlechten Leistungen der bisherigen Saison nur aufs Verletzungspech zu schieben, nichtsdestotrotz hat das ständige Fehlen von wichtigen Spielern aber dennoch eine große Rolle gespielt. Man vergleiche nur mal die Vorsaison in der man weitgehend von langfristigen Verletzungen seiner Schlüsselspieler verschont geblieben ist und kann daran die Unterschiede zur jetzigen Situation sehr deutlich erkennen.
Faktor “Neuzugänge”
Um für die neue Saison mit der zusätzlichen Belastung durch die Champions League gewappnet zu sei, konnte man vor der Saison einige neue durchaus namhafte Spieler verpflichten. So sollte Schäfer den nach Valencia abgewanderten Torhüter Hildebrand ersetzen, der Brasilianer Gledson für zusätzliche Stabilität in der Abwehr sorgen, Bastürk als neuer kreativer Spielmacher elegant hinter den Spitzen wirbeln und die beiden auch nicht ganz billigen Stürmer Marica und Ewerthon für vermehrte Torgefahr sorgen. Was ist nun nach immerhin auch schon wieder neun Spieltagen aus diesem Vorhaben geworden? Milde gesagt, nicht viel. Schäfer konnte Hildebrand noch nicht ersetzen, wirkte fahrig und viel zu ruhig auf der Linie. Gledson hat sich bisher als für die Bundesliga eigentlich nicht tauglich herausgestellt und durfte nach seiner Katastrophenpartie im DFB-Pokal gegen Wehen auch nicht mehr spielen. Bastürk hat eigentlich nur durch seine allwöchentlichen medizinischen Bulletins aufhorchen lassen und die beiden neuen Stürmer sind an Toren gemessen zusammen bislang genauso torgefährlich wie der Bremer “Abwehrbolzer” Pasanen (1 Tor). So sieht sich sicherlich keine erfolgreiche Transferbilanz aus.
Natürlich muss man nach nur neun Spieltagen vorsichtig sein und darf nicht gleich alles verdammen. Neue Spieler brauchen meistens erstmal eine gewisse Eingewöhnungszeit und die sollte man ihnen auch zugestehen. Auf der anderen Seite ist es natürlich für einen Verein auch nicht glücklich, wenn diese neuen Spieler mit einigen Kilos an Übergewicht (Ewerthon) im Gepäck ankommen oder die Verpflichtung fast bis zum Start der Bundesligasaison dauert, weil man mit dem abgebenden Verein beinahe nicht enden wollende Dauerverhandlungen (Marica) führt. Und auch auf die Verletzungsanfälligkeit eines Bastürks hätte man bei genauerer Betrachtung schon vorher kommen können. Derzeit jedenfalls sind die Neuzugänge keine Verstärkungen sondern eher zusätzlich aufgelasteter Ballast und sorgen auch mannschaftsintern durch ihre nicht gerade knappen Gehältern bei durchaus knappen Leistungen nicht unbedingt für ein besseres Betriebsklima. Man kann in dem Fall für den Verein nur hoffen, dass sich das Preis-Leistungs-Verhältnis dieser Neuzugänge im Laufe der Saison doch noch verbessert. Falls nicht, dann bleibt jedenfalls nicht mehr als ein großes Desaster übrig.
Faktor “Mangelnde Einstellung”
Aufmerksamen Beobachtern werden die immer die gleichen und sich ständig wiederholenden Aussagen von Spielern, Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt nach den anfänglichen Niederlagen aufgefallen sein. Egal ob nach den Partien gegen Hertha BSC, Karlsruhe, Rostock oder Glasgow. Immer hieß es, “wir waren doch die bessere Mannschaft”, “wir hatten klar mehr vom Spiel”, “wir waren doch eigentlich besser als der Gegner”, wir hatten den Gegner doch im Griff”, “wir haben eine bessere Mannschaft als der Gegner”, “meine Spieler sind besser, als die des Gegners”. Was sagen einem diese vielen Spachhülsen? Sie verdeutlichen vielleicht das größte Problem, das die Mannschaft des VfB Stuttgart derzeit aufweist. Man ist überheblich, man hält sich automatisch immer für besser als den Gegner und dementsprechend tritt man auch auf. Zahlreiche Lässigkeiten und Unaufmerksamkeiten schleichen sich ein und man versucht alles nur mit spielerischen Mitteln zu lösen. Einsatz Leidenschaft und Engagement gehen dabei aber verloren.
Dieses Phänomen könnte man als symptomatisch für die bisherigen Auftritte der Stuttgarter bezeichnen. Wenn es beispielsweise wie vor der Partie in Rostock heißt, egal ob dem nun tatsächlich so war oder nicht, der Spieler Bastürk würde für das Champions League Match gegen Barcelona geschont und deshalb gar nicht erst mit nach Rostock reisen, bringt das für den kommenden Gegner sicher noch einen zusätzlichen Schub an Motivation. Er wird ja offensichtlich auch gar nicht sonderlich ernst genommen. Hier sollten die Alarmglocken bei den Verantwortlichen klingeln. Es darf nämlich bei der hohen Leistungsdichte im Profifußball nicht sein, dass man den jeweiligen Gegnern, den notwendigen Respekt nicht entgegenbringt und sich stattdessen stets nur an der vermeintlichen eigenen Größe berauscht. Was ist geschehen? Möglicherweise hat der Meistertitel bei einigen Spielern zu einem Abheben in dem Sinne geführt, dass man denkt individuell und als Mannschaft besser zu sein, als man in Wirklichkeit ist. Dazu kamen ja auch noch zahlreiche Angebote von namhaften Großvereinen für bestimmte Spieler des Vereins. Für Fußballprofis und ihre Eitelkeiten sind solche Avancen natürlich schmeichelhaft. Unter dem Motto, “wenn die mich schon wollen, dann muss ich aber auch verdammt gut sein”, kann das auch dazu führen, sich selbst und die eigene Leistungsfähigkeit zu überschätzen.
Es muss wieder mit mehr Einsatz, Wille und Engagement “Fußball gearbeitet werden. Unter Berücksichtigung all dieser Punkte lässt sich eigentlich ein sehr kurzes Fazit ziehen. Der VfB Stuttgart geht derzeit durch ein Wellental, das nicht in allen Punkten selbstverschuldet ist. Für die katastrophal verlaufene Saisonvorbereitung, die vielen Verletzten und die Unerfahrenheit der jungen Mannschaft können die Verantwortlichen nicht viel. Das muss man akzeptieren und in Kauf nehmen, darf aber auch nicht als als alleinige Ausrede für den schlechten Lauf herangezogen werden. Weitaus schwerer liegen da eigentlich die aufgezeigten Defizite in Sachen Einstellung. Mit Überheblichkeit und einer larmoyanten Einstellung lässt sich jedenfalls kaum eine Krise bewältigen. Hier wäre ein Einschreiten des Trainerteams dringend geboten. Die Spieler müssen schnellstens wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfinden, um sich so voll und ganz mit der derzeitig herrschenden prekären Situation auseinandersetzen zu können. Hierin liegt der eigentliche Schlüssel zur Bewältigung der Krise. Wenn es gelingt, den Spielern zu verdeutlichen, dass man nur mit größtmöglichem Einsatz und Engagement erfolgreich sein kann, wird der VfB Stuttgart auch wieder in die Erfolgsspur zurückfinden. Dafür hat die Mannschaft insgesamt im Bundesligavergleich einfach eine zu hohe Qualität.
Quelle: Soccerboards.de, Autor; Christoph. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/de/
Mr. Wong
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