Fußballrandale in Dresden
aus Worldcupwiki
31. Oktober 2007 - ‘Am Wochenende hat es endlich mal wieder so richtig geknallt’, werden hirnlose Prügelidioten rückblickend tönen. Es ging längst nicht mehr um ein Fußballspiel, “kriegsähnliche Zustände” herrschten, so Dresdens Trainer Eduard Geyer, am Samstag in der dritten Liga zwischen Dynamo Dresden und Union Berlin und am Sonntag im Fünftligaspiel zwischen Dynamo Dresden II und Lokomotive Leipzig. Autor Felix Kubach hat Torsten Rudolph, Projektkoordinator des Fanprojekts Dresden e.V., zu seiner Einschätzung der Lage befragt.
RE: Hätte es eine Möglichkeit gegeben, die Krawalle zu verhindern?
Rudolph: Wohl kaum. In der Dimension wurden unsere negativen Erwartungen erfüllt. Die Einsatzstrategie der Polizei war sehr gut und hat Schlimmeres verhindert.
RE: In Sachsen überschlägt man sich derzeit mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, etwa der, das Spiel Dynamo Dresden gegen Lok Leipzig hätte von Dresden ins Leipziger Zentralstadion verlegt werden können. Wer hat versagt?
Rudolph: Von Versagen sollte man im Zusammenhang mit der Partie Dynamo II vs. Lok Leipzig überhaupt nicht sprechen. Alle Beteiligten waren in die Vorbereitungen intensiv eingebunden. Sicher bevorzugten auch wir die Ideen einer Spielverlegung bzw. gleichzeitige Terminierung mit der Regionalligapartie Dynamo vs. Union. Ein Allheilmittel wäre aber auch das nicht gewesen. Die Mobilmachung war in beiden Fanlagern enorm. Hier wollten sich beide Seiten zur Auseinandersetzung treffen. Das Sportliche war an diesem Tag leider nur die passende Bühne.
RE: Die Kosten des Polizei-Einsatzes belaufen sich auf fast eine halbe Million Euro. Die Kernfrage muss daher lauten: Ist die Ausrichtung solcher Spiele überhaupt noch legitim? Immerhin hatte es schon Tage vorher Anzeichen für eine drohende Eskalation gegeben.
Rudolph: Es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn man sich durch Spielabsagen der Gewalt förmlich unterwirft. Das Ziel muss lauten, durch eine ausgewogene Mischung von Prävention und Repression an die Wurzeln des Problems zu gelangen. Fansozialarbeit, wie wir sie professionell betreiben, ist dabei ein Baustein im notwendigen Gesamtkonstrukt. Mal zum Vergleich: Die Höhe unserer öffentlichen Zuwendungen beträgt bei drei hauptamtlichen Mitarbeitern gerade einmal 110.000 EUR pro Jahr. Dem gegenüber stehen Kosten von einer Million Euro für einen Polizeieinsatz wie gegen Lok Leipzig. Eine geringe Umverteilung der Mittel zugunsten des präventiven Bereichs erspart uns die Kosten der Zukunft. Fanprojekte an anderen – zumeist westdeutschen - Standorten gehen hier mit gutem Beispiel und einer jahrelangen positiven Erfahrung voran.
RE: Die Dresdner Staatsanwaltschaft kritisierte, dass sie von der Polizei über die zeitweilige Gewahrsamnahme von Gewalttätern nicht informiert worden sei, obwohl man einen Bereitschaftsdienst eingerichtet gehabt habe. Wie konnte es zu dieser fahrlässigen Kommunikationslücke kommen?
Rudolph: Das sind Internas, die zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft gelöst werden müssen. Ich kann nur nochmals mein Lob an das Einsatzverhalten der Polizei wiederholen. Die Strategie ging auf. Wir werden aber auch hier sehr genau die Fülle an Einzelfällen prüfen, die offensichtlich zumindest zu Stadionverboten führen sollen.
RE: Des weiteren ist das Strafmaß mit einer Bewährungsstrafe wohl einfach zu niedrig. Sollte man nicht hier ansetzen?
Rudolph: Mir liegt es fern, mich in die rechtsstaatliche Umgangsweise bei Auffälligkeiten rund um Fußballspiele einzumischen. Bestehende Gesetze sollten hier tatsächlich einfach Anwendung finden. Sicher gehört zum adäquaten Umgang mit der Thematik auch das Aufzeigen von spürbaren Grenzen für die zumeist jugendlichen Gewalt-Interessierten. Belagerungen und Angriffe auf gegnerische Fußballfans und die Polizei sollten nicht als eine Art „Volkssport“ verstanden werden, was ohne Folgen bleibt.
RE: Welche Konsequenzen wird die Polizei aus dem vergangenen Wochenende ziehen? Kann sie überhaupt etwas gegen diese Art von Gewalt ausrichten?
Rudolph: Die Dresdner Polizei hat sich beim Einsatzverhalten im Vergleich der letzten Jahre sehr verbessert. Was früher im Chaos endete, wird heute durch eine intensive Aufklärungs- und Kommunikationsarbeit bereits im Keim erstickt. Die Tendenz ist positiv zu bewerten. Eine Ausgewogenheit aus Freundlichkeit und vehementen Auftretens ist sicher der Schlüssel zum Erfolg. Hier stehen wir der Dresdner Polizei auch weiterhin gern beratend zur Verfügung. Geplante Ausschreitungen sind wohl auch in Zukunft nicht komplett zu vermeiden, deren Dimension jedoch schon.
RE: Dresden erhält für die Arbeit mit den Fans eine niedrige sechsstellige Geldsumme für präventive Fanarbeit. Was wird mit diesen Geldern genau gemacht/ Reichen sie aus, um tatsächlich etwas zu bewegen?
Rudolph: Das Fanprojekt Dresden stand im Jahr 2004 vor einem Scherbenhaufen der Fanarbeit. Neben der Fußballtradition hatte sich eine Art Gewalttradition gebildet. Unser schwieriger Balanceakt bestand und besteht darin, einerseits die Arbeit mit Härtegruppen und anderseits die präventive Arbeit mit der nachwachsenden jugendlichen Klientel zu verbinden. Dazu gehört viel Vertrauen. Vertrauen auf Seiten der Jugendlichen und gleichzeitig der Verantwortlichen in Politik und Sport. Präventionsarbeit ist kein Allheilmittel, das als adhoc-Lösung dient. Prävention zahlt sich erst nach Jahren der kontinuierlichen Arbeit aus. Unsere Arbeitsinhalte konzentrieren sich auf die Zielgruppe der 12-bis 16jährigen Fans im Kontext Stadion und Schule mit pädagogisch betreuten Fahrten zu Spielen, Antiaggressions- und Coolnesstraining, aber auch die intensive Antirassismusarbeit und Beratungsangebote zu Problemen in allen Lebenslagen.
RE: Wie sähen Alternativen aus – kann nur der generelle Ausschluss der Zuschauer bei bestimmten Spielen aus den betroffenen Stadien, wie etwa in Italien (Geisterspiele), eine Befriedung der Lage herbeiführen?
Rudolph: Der Ausschluss aller Zuschauer zerstört uns das zarte Pflänzchen an Selbstregulierung, das in der Dresdner Fanszene zu wachsen beginnt und würde all jene bestrafen, die treu und friedlich zur Mannschaft halten. Nur wenn man die Interessen der Fans wahrnimmt, kann man auch Forderungen stellen. Dresden hat nicht nur gewaltbereite Fans, sondern genügend friedliche Fans, denen der Rücken gestärkt werden muss. Nur dann getrauen sich diese auch einmal, die Stimme gegen das Negativimage zu erheben und aktiv dagegen vorzugehen.
RE: Herr Rudolph, ich danke Ihnen sehr für die Beantwortung der Fragen.
Quelle: Readers Edition, Autor: Felix Kubach, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/de/
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