Homosexualität im Fußball
aus Worldcupwiki
19. Februar 2008 - Folgt man Statistiken zum Vorkommen von Homosexualität in der männlichen Bevölkerung, müssten in den Bundesligen mehrere schwule Spieler spielen, die Fußballzeitschrift Rund ging im Rahmen einer Themenwoche sogar davon aus, dass mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Im Jahr 2005 berichtete die Financial Times, ein Spieler der Bundesliga und zwei weitere aus unteren Ligen seien bereit, sich zu outen, wenn sich acht weitere Spieler finden, die bereit sind, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Die englische Football Association (FA) veranstaltete im November 2005 einen Gipfel zum Thema Homophobie im Fußball. Im Frühjahr 2006 sorgte in Großbritannien die Ankündigung der Boulevardzeitungen The News of the World und The Sun mehrere homosexuelle Profis zu outen für eine große öffentliche Diskussion. Im Jahr 2005 kündigte die Football Association an, zukünftig Fans, die gegnerische Fans, Spieler oder Schiedsrichter als „Poofs“ (Schwuchteln) beleidigen, aus dem Stadion zu entfernen. Schließlich wurden Anfang August 2006 zwei englische Fans wegen schwulenfeindlicher Beschimpfungen verurteilt.
Im nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit stehenden deutschen Frauenfußball leben einige Spielerinnen offen lesbisch; sie werden jedoch nicht auf ihre Homosexualität angesprochen. Tina Theune-Meyer äußerte sich dahingehend, dass der Anteil lesbischer Spielerinnen im deutschen Nationalteam bei 60 bis 70 Prozent liegt. Die Äußerungen und Reaktionen von Spielern, Trainern und Offiziellen zeigt für den von Männern betriebenen Ballsport in dieser Hinsicht ein ganz anderes Bild. Während sich in anderen Sportarten lesbische, schwule und bisexuelle Spitzensportler wie Martina Navratilova (Tennis), Mark Tewksbury (Schwimmen), Greg Louganis (Turmspringen) oder Judith Arndt (Radsport) geoutet haben, hat sich bisher kein einziger männlicher deutscher Fußball-Profi geoutet.
Das Thema Homosexualität wird im Profifußball sowohl stark emotionalisiert als auch tabuisiert. Hierbei handelt es sich um kein spezifisch deutsches sondern um ein generelles Phänomen innerhalb der Sportart. Eine schriftliche Anfrage des Senders BBC Radio Five Live bei 20 Vereinen der britischen Premier League mit drei Fragen zum Thema „Homophobie im Fußball“ blieb 20 Mal unbeantwortet. Während Fansprechchöre die Beleidigungen gegnerischer Mannschaften häufig extrem homophob aufladen, zeigen die Reaktionen der Offiziellen sehr deutlich, wie hoch das Konfliktpotential bei diesem Thema ist. Jürgen Rollmann, Ex-Profi von Werder Bremen, äußerte zu dieser Frage einmal „Schwule Spieler muss es geben, aber ich weiß nicht, wo“. Bei über 800 aktiven Spielern gibt es im deutschen Profifußball keinen Einzigen, der offen geoutet lebt. Heinz Bonn, Spieler des HSV, hielt in den siebziger Jahren seine Homosexualität aus Furcht vor Karriereschäden geheim. Er wurde Alkoholiker und 1991 von einem Strichjungen ermordet.
Die Geschichte des englischen Profis Justin Fashanu, des bislang einzigen Fußballprofis, der sich zu seiner Homosexualität bekannte, beweist, wie heikel das Thema Homosexuallität in diesem Bereich noch immer ist. Fashanu erhängte sich 1998, acht Jahre nach seinem Coming-out, weil er in den USA wegen sexueller Nötigung angeklagt wurde, nachdem er sexuellen Verkehr mit einem 17-jährigen Fußballschüler hatte, der ihn nach eigenen Angaben erpressen wollte. Zur Situation in Deutschland äußerte sich Henning Bürger, Profi von Rot-Weiß Erfurt: „Wenn sich ein Spieler outen würde, wäre der Rummel groß. Gerade bei Auswärtsspielen müsste ein bekennender Homosexueller einen riesigen Druck aushalten. Irgendwann passiert es, aber noch ist die Angst zu groß“. Auch Yves Eigenrauch, Ex-Profi von Schalke 04, vertritt eine Auffassung, die dies unterstreicht: „Es muss homosexuelle Spieler im Profifußball geben. So konservativ, wie sich der Sport darstellt, erführe die betreffende Person aber sicherlich eine große Ablehnung.“
St.-Pauli-Präsident Corny Littmann hat sich wiederholt mit der Aussage geoutet, er hätte bereits intime Kontakte zu mehreren Spielern gehabt. Dennoch kommt er im Gegensatz zu Assauer zu dem Schluss: Ich würde keinem Profi raten, sich zu outen. Der soziale Druck wäre nicht auszuhalten. In einem heterosexuellen Mannschaftsgefüge ist man direkt der Außenseiter, wird angreifbar für Mitspieler, Gegenspieler und Medien. Günter Netzer bestätigte 2004 in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ ein Outing wäre für prominente Spieler durchaus fatal. In der Mannschaft des deutschen Frauennationalteams gibt es mehrere bekennende Lesben. Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, wurde kurz vor den Olympischen Spielen 2000 nach 125 Länderspielen aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen privater Probleme mit ihrer damaligen Freundin und Mannschaftskameradin Inka Grings die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste.
Mittlerweile haben mehrere Fußballvereine in Deutschland schwul-lesbische Fanklubs. Als erster offizieller Klub dieser Art gilt der Fanklub „Hertha-Junxx“ von Hertha BSC Berlin, der im August 2001 entstand. Seit Sommer 2002 gibt es in Hamburg den St.-Pauli-Fanklub „Queerpass St. Pauli“. Weitere Gründungen in anderen Städten mit Bundesligafußball folgten – beispielsweise in Mainz („Meenzelmänner“), Stuttgart („Stuttgarter Junxx“), Dortmund („RainbowBorussen“), Dresden („Dynamo-Junxx“) und München („Queerpass Bayern“).
Ein typisches Beispiel für offene Homophobie im Profifußball gab der frühere Trainer der österreichischen Fußballnationalmannschaft, Otto Barić. In einem Interview mit der Schweizer Zeitung „Blick“ äußerte er 2004 „Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, höchstens gegen mich.“ In einem anderem Gespräch äußerte er sich gegenüber der kroatischen Zeitung „Jutarnji List“ ähnlich: „Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben.“ 2007 wurde Barić von der UEFA wegen der homophober Äußerungen in „Jutarnji List“ zu einer Geldstrafe von 1825 Euro verurteilt.
1981 verkündete die FIFA, das in einigen Ländern verbreitete Küssen der Spieler während des Spiels sei „unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht“.
Einige Spieler äußern sich ebenfalls homophob oder wollen sich zu dieser Frage generell nicht äußern. Der frühere Spieler von Fortuna Düsseldorf Michael Schütz äußerte sich in einem Interview wie folgt: „Man würde gegen so einen nicht richtig rangehen, weil die gewisse Furcht vor Aids da wäre.“ Der ehemalige Verteidiger des 1. FC Köln Paul Steiner erklärte bei einer Fernsehdiskussion zum Thema Homosexualität im Fußball. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schwule Fußball spielen können.“ 2004 produzierte die US-Amerikanerin Sherry Horman die Komödie Männer wie wir, in der sie diese in dieser Sportart verbreitete homophobe Auffassung in den Mittelpunkt der Handlung stellte.
Das österreichische Wettbüro Gamebookers gab im Juni 2005 bekannt, es sei bei 800 Fußballprofis statistisch unmöglich, dass es keine schwulen Fußballer gibt. Das Unternehmen bot daher an, darauf zu wetten, ob sich homosexuelle Spieler der höchsten europäischen Ligen outen werden. Beim Outing eines schwulen Profi-Fußballerpaares betrug die angebotene Quote 51, beim Outing eines Einzelspielers 1,5, für das Outing mehrerer Fußballprofis schließlich bei 2,25.
Aktuelles
- 20. Februar 2008: Premiere im Fußball, zumindest im französischen Profi-Fußball: erstmal hat ein hochrangiger ehemaliger Liga-Spieler und früherer Nationalspieler sein Coming-Out. Olivier Rouyer hat in der Fußballsendung ‘L’Equipe Magazine‘ (Ausgabe 16.2.2008) erklärt “Ja, ich bin schwul”. Rouyer, heute 52 Jahre alt, war in den 1970er Jahren Stürmer der Erstliga-Mannschaft von Nancy und der französischen Fußball-Nationalmannschaft. Heute ist er u.a. Berater des Bezahl- Kanalsystems Canal+. Rouyer berichtete im TV weiter: “Anfangs hab ich ich versteckt. Eine Freundin diente mir als Alibi. Aber als ich nach Strasbourg ging [1981], hab ich mich verliebt, und ich wurde es leid zu lügen.” Rouyer zog sich zurück. Bis heute. “Ich bin jetzt 52 Jahre alt, und ich bin glücklich. Es ist an der Zeit darüber zu sprechen …”
- 18. Februar 2008: Das spanische Magazin "Cuore" zeigt Fotos (http://www.bild.de/BILD/sport/fussball/international/2008/02/18/fussball-international/zeitungsausschnitt-guti-kuesst-mann-8586257-mfbq,templateId=renderScaled,property=Bild,height=349.jpg), wie Real Madrids-Spielmacher Guti einen jungen Mann auf den Mund küsst. Neues Futter für alte Mutmaßungen zu Gutis homosexuellen Neigungen.
Literatur
- Dembowski, Gerd: Von Schwabenschwuchteln und nackten Schalkern. Schwulenfeindlichkeit im Fußballmilieu. In: Ders.; Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Köln 2002, 140–146.
- Lück, Oliver; Schäfer, Rainer: Warten auf das Coming-out. Homosexualität im Fußball. In: RUND 1/2004, 51–56.
- Jan Feddersen Outing wäre Selbstmord, taz vom 11.8.2006, S. 13, 245 Z. online unter TAZ.de (http://www.taz.de/pt/2006/08/11/a0174.1/text)
- PM von Gamebookers (http://www.presseportal.de/story.htx?nr=685857&firmaid=39325)
- Oliver Lück und Rainer Schäfer: Einer muss den Anfang machen, RUND vom 17.12.2006, online unter Rund – Das Fussballmagazin (http://www.rund-magazin.de/home/news/4d8a20c4-5628-43c3-a685-2badd7676ccf)
Mr. Wong
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