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aus Worldcupwiki
Hier im Presseclub sollen in unregelmäßigen Abständen besonders gelungene Artikel aus dem Sportjournalismus vorgestellt werden. Jeder User kann auf dieser Seite Presseberichte, die ihm besonders aufgefallen sind, hinzufügen ...
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Afrika-Cup 2008
Im WorldcupWiki-Artikel "Deutsche Reporter berichten live vom Afrika-Cup 2008" haben wir die Berichte der "Embedded Correspondence", der Fußballberichterstatter, die in Ghana vor Ort sind, zusammengefasst.
Ronaldinho und seine Nachfolger
Fabian Ruch, Berner Zeitung, 29. November 2007
Um Ronaldinho ist es still geworden. Mit erst 27 Jahren steckt der Brasilianer in einer heiklen Phase. Der Weltstar besetzt bei Barcelona derzeit keine Hauptrolle. Umschwärmt werden die Teenager Bojan Krkic und Giovani dos Santos.
Die Auftritte sind nicht mehr so magisch, die Schritte nicht mehr so leichtfüssig, die Aura nicht mehr unantastbar. Der grosse Ronaldinho sorgt derzeit nicht für die Unterhaltung im Wanderzirkus FC Barcelona, dem spielerisch besten und weitaus talentiertesten Fussballteam der Welt. Lionel Messi, erst 20 Jahre, hat dem Brasilianer längst den Rang abgelaufen. Am Dienstag, beim 2:2 in der Champions League in Lyon, wurde Ronaldinho erst in der 71. Minute eingewechselt. Es hiess, der Zauberer habe sich nach den zwei Länderspielen mit Brasilien schlapp gefühlt, er habe um eine Pause gebeten.
Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Bereits Anfang Saison hatte Ronaldinho mehrere Male auf der Ersatzbank Platz nehmen müssen, die anspruchsvollen Zuschauer im Nou Camp hatten den Weltmeister von 2002 gnadenlos ausgepfiffen. Barcelonas Trainer Frank Rijkaard setzt immer stärker auf zwei Teenager, von denen man sich in Barcelona Wunderdinge erzählt: Bojan Krkic, 17 Jahre jung, und Giovani Dos Santos, 18-jährig.
889 Tore in sieben Saisons
Der König ist tot, es leben die Prinzen: So heisst das Fussballtheater, welches in Barcelona aufgeführt wird. Immer wie jünger werden ja die Nachwuchskräfte, die weltweit gejagt und umworben werden. Zuletzt hatten 13-jährige Begabungen den Verein und sogar den Kontinent gewechselt. Man kann das fragwürdig finden, es ist aber längst Normalität. Barcelona verfügt über eine beeindruckende Nachwuchsabteilung und verpflichtet die besten Jugendspieler wie einst Lionel Messi bereits mit 11, 12 Jahren. «Man muss bereit sein, wenn ein grosser Spieler nicht mehr die erwarteten Leistungen bringt», sagt Trainer Rijkaard. Und: «Im Idealfall hat man die Nachfolger bereits im Kader.»
Und so sind Bojan Krkic Perez, genannt Bojan, und Giovani Dos Santos auf den Spuren Messis und Ronaldinhos. In die Herzen des riesigen Anhangs haben sich die jungen Dribbler längst gespielt. Bojan debütierte mit 16 Jahren für die erste Mannschaft, er schoss bei seinem ersten Einsatz selbstverständlich ein Tor. Sein Vater war ein bekannter serbischer Fussballspieler, seine Mutter stammt aus Katalonien. Mit neun Jahren wurde er im «Cantera», der Jugendakademie Barcelonas, aufgenommen. Bojan erzielte als Junior in sieben Jahren 889 Tore. Der technisch beschlagene Angreifer wurde Torschützenkönig an der U17-EM und brillierte für Spanien an der U17-WM. Bojan bricht einen Rekord nach dem anderen. So ist er mit 17 Jahren und 22 Tagen der jüngste Fussballspieler, der in der Champions League gespielt hat. Und er ist, dies nur als weiteres Beispiel, seit wenigen Wochen der jüngste Torschütze der Vereinsgeschichte in der Primera Division. Selbstredend war der kleine Künstler (1,73 m) in Lyon an beiden Toren beteiligt. «Er ist wunderbar und passt gut zu uns», sagt Ronaldinho. Vor einem Jahr noch hingen in Bojans Kinderzimmer Poster vom Brasilianer, jetzt hat er dem mehrfachen Weltfussballer beinahe den Rang abgelaufen.
Flucht aus dem Paradies?
Noch früher als "neuer Ronaldinho" war Giovani Dos Santos bezeichnet worden. Auch er ist Doppelbürger. Sein Vater ist der ehemalige brasilianische Stürmer Zizinho, die Mutter ist Mexikanerin, seit kurzem besitzt er auch die spanische Staatsbürgerschaft. Dos Santos hat sich für Mexikos Nationalteam entschieden und die U17-Auswahl vor zwei Jahren mit überragenden Leistungen zum WM-Titel geführt – im Final wurde pikanterweise Brasilien 3:0 geschlagen. «Er hat das Potenzial, mein Nachfolger zu werden», hatte Ronaldinho einst über Dos Santos gesagt. Dabei dürfte der Weltstar nicht an die äusserlichen Ähnlichkeiten gedacht haben.
Und jetzt, Ronaldinho? Milans Patron Silvio Berlusconi will den erst 27-Jährigen mit aller (finanzieller) Macht in die Serie A lotsen, die Rede ist auch von einem unmoralischen Angebot Chelseas über 70 Millionen Euro. Das wäre ein Ablösesumme-Weltrekord – ein Wechsel aber auch eine Flucht aus dem Paradies. «Mir gefällt es in Barcelona, ich möchte hier meine Karriere beenden», hat Ronaldinho oft betont. In dieser Saison hat er, aller Kritik zum Trotz, in acht Ligaspielen fünf Tore erzielt. Letztes Jahr waren es 20 Treffer in 29 Partien, in der Saison 2005/06 17 Tore in 29 Begegnungen. Das sind fabelhafte Werte. Es ist vermutlich der Fluch eines Weltstars, trotz grossartiger Bilanz ständig hinterfragt zu werden. Gerade wenn die Thronrüttler im eigenen Team spielen.
Von der grauen Maus zur Stil-Ikone - Jogi Löw wird Vorzeige-Figur
n-tv vom 17. Oktober 2007, Von Jens Mende und Klaus Bergmann, dpa
Der Mann aus Schönau im Schwarzwald ist auf dem besten Wege, die neue Vorzeige-Figur des deutschen Fußballs zu werden. Dabei kann Joachim Löw, von allen nur "Jogi" genannt, weder auf eine Aura wie "Kaiser" Franz Beckenbauer noch auf einen Volkshelden-Status wie Rudi Völler oder auf 108 Länderspiele wie der streitbare Jürgen Klinsmann verweisen. 15 Monate nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer ist Löw in aller Munde - und das vor allem aus einem Grund: Er hat die Fußball-Nationalmannschaft, noch immer der Deutschen liebstes Kind, von Erfolg zu Erfolg geführt und dabei die Fans überzeugt. Und das mit einer charmanten Art: "Er ist einer, der auch andere Menschen in den Arm nimmt", beschreibt Teammanager Oliver Bierhoff das Wesen des Menschen Joachim Löw.
Revolutionär Klinsmann hatte den deutschen Fußball vor drei Jahren mit heiß diskutierten Methoden wieder wach geküsst - Reformer Löw hat das Pflänzchen mit einem leiseren Stil weiter gehegt und gepflegt. Vielleicht kann es im Sommer 2008 sogar das schönste in ganz Europa sein. Früher war es ein "Skandal", als Klinsmann Fitmacher aus den USA importierte oder einen Spiel-Analysten aus der Schweiz holte. Heute ist es normal und unumstritten, wenn Löw die Spieler in Handbücher schreiben oder mit Gummibändern trainieren lässt.
Dabei war der "nette Herr Löw", wie er als Co-Trainer von Klinsmann oft bezeichnet wurde, schon an den ersten Umwälzungen stark beteiligt. "Er ist kein klassischer Assistent", sagte Klinsmann, der Löw im Sommer 2004 vor allem verpflichtet hatte, weil der ihm bei einem Trainerlehrgang die Viererkette "so gut wie kein anderer" erklären konnte.
Das allerdings ist nur eine stark verkürzte Darstellung. Löw ist ein akribischer und konzentrierter Team-Arbeiter, ein prinzipientreuer Mensch, ein verbindlicher Partner und ein "Herzensmensch, der aber auch weiß, dass er Entscheidungen treffen muss", wie Bierhoff sagte. An die Skepsis bei den Bossen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kann sich der Manager noch gut erinnern, als Klinsmann nach dem WM-"Sommermärchen" 2006 seinen Abschied mit der Forderung nach Löws Beförderung verbunden hatte. "Der DFB war immer große Namen wie Beckenbauer, Völler oder Klinsmann als Bundestrainer oder Teamchef gewohnt", berichtete Bierhoff. Inzwischen hat Löw alle Vorbehalte beseitigt, kann selbst bestimmen, zu welchen Bedingungen er seine Arbeit bis zur WM 2010 fortsetzt.
"Wenn ich zurückdenke an meine Anfänge, dann merke ich schon, dass ich weiter bin, reifer", bestätigte Löw in der "Süddeutschen Zeitung" die persönliche Entwicklung. Er könne schneller Lösungen finden, das Spiel besser lesen, Zusammenhänge besser erkennen, erzählte der 47-Jährige. Dass er nach seinen vielen Jahren als Clubtrainer einmal herausgekommen sei "aus der Vereinsmühle, in der man keine Zeit hat, Ideen zu entwickeln", sei entscheidend gewesen. "Dass er sich auch selbst ständig hinterfragt, gehört zu seinem Erfolgsgeheimnis", ergänzte der einstige DFB-Kapitän Bierhoff.
Nicht nur der Boulevard hat in Löw eine neue schillernde Figur erkannt, der einstige Bundesliga-Kicker und Clubtrainer (unter anderem VfB Stuttgart, Fenerbahce Istanbul und FC Tirol Innsbruck) wird von der Öffentlichkeit völlig anders wahrgenommen. Plötzlich wird über seine edlen Schals ebenso diskutiert wie über sein Silberamulett, seine Extrem-Hobbys (hat schon den Kilimandscharo bestiegen und liebt die Fliegerei) oder sein großes Herz. In diesem Sommer tauchten in bunten Blättern plötzlich sogar Fotos vom rauchenden Urlauber Löw am Strand von Sardinien auf. Dabei hatte der modebewusste Trainer schon bei der WM 2006 das Outfit des Duos Klinsmann/Löw bestimmt, trank immer schon gerne Espresso und hatte als Co-Trainer schon während der WM die taktischen Einweisungen gegeben. Und die SOS-Kinderdörfer unterstützt Löw ebenfalls schon seit langem.
Der Erfolg und die Art seiner Arbeit haben den besonderen Typ Löw bekannt und begehrt gemacht. Doch der Bundestrainer verzichtet auf Ausbrüche aus seiner bisherigen Welt, zumal er weiß, dass mit der EM- Endrunde im kommenden Sommer in der Schweiz und Österreich der erste große Erfolgstest noch aussteht. "Jeder sollte da bleiben, wo er hingehört. Ich möchte glaubwürdig bleiben", begründete Löw etwa seine Abstinenz von politischen Talkshows oder Prominenten-Empfängen. Seine Frau Daniela, mit der er seit über 20 Jahren verheiratet ist, hält er ganz aus der Öffentlichkeit heraus. "Er hat seine Linie, von der er nicht abgeht - und das auf ganz umgängliche Art", sagte Bierhoff.
Vorsicht! Aufstrebendes Talent beansprucht Stammplatz
sportal.de vom 11. Juli 2007, Redakteur: Sven Kittelmann
Der diesjährige Meister hat es vorgemacht: Mit jungen Spielern kann man in der Bundesliga alles gewinnen. In einer vierteiligen Serie widmen wir uns den neuen Stars, den hoffnungsvollen Talenten, möglichen Verlierern und Spielern, die verzweifelt ihre letzte Chance suchen.
Als besonders vorbildlich gilt die Nachwuchsarbeit beim Meister VfB Stuttgart und Hertha BSC: Spieler wie Sami Khedira, Kevin Prince Boateng, Mario Gomez oder Askhan Dejagah durchliefen die Nachwuchsakademien im Schwabenland und an der Spree.
Kein Wunder also, dass mit Andreas Beck vom VfB und Christopher Schorch von Hertha gleich zwei Jung-Profis aus diesen Talentschmieden vehement in die Bundesliga drängeln.
Beck - der Nächste, bitte?
Andreas Beck ist beim VfB nur einer von vielen jungen Spielern des Kaders. Die Neuentdeckungen der letzten Saison Khedira, Gomez, Serdar Tasci und Roberto Hilbert bringen es gerade einmal auf ein Durchschnittsalter von 21,25 Jahren - Beck ist mit seinen 20 Jahren ebenso auf dem Sprung, wie es das Quartett vorgemacht hat.
In der U21-Nationalmannschaft hat sich der Verteidiger bereits bewähren dürfen und auch beim VfB wird ihm mit Sicherheit eine größere Rolle eingeräumt werden, als dies noch in den letzten beiden Spielzeiten der Fall war.
Allerdings hängt dies auch von mehreren Faktoren ab - zum einen müsste der ebenfalls 20-Jährige Tasci in die Mitte rücken und die rechte Außenbahn freigeben, zum anderen müsste Beck auch noch Ricardo Osorio verdrängen. Ein Bonus der für Beck und gegen den Mexikaner sprechen würde, wäre der positive Jugendwahn des VfB.
18 Jahre und kein bisschen leise
Für dezentes Auftreten sind die Jungstars beim Hauptstadtclub nicht immer bekannt - die Brüder Kevin Prince und Jerome Boateng fielen nicht gerade durch ihre Bescheidenheit auf und auch ihr Altersgenosse Christopher Schorch sorgte bereits mit gerade einmal 16 Bundesliga-Spielminuten auf dem Buckel für Wirbel in der Hertha-Geschäftsstelle.
Nach einem Bericht der BILD hatte der 18-Jährige mit einem Besuch bei Dieter Hoeneß für Furore gesorgt: Sein Begleiter war der Stiefvater seiner Freundin, der an sich den ehrbaren Beruf des Friseurs ausübt, aber in dem Falle als Manager des Schwiegersohnes in spe glänzen wollte. Das angebliche Ziel des Besuches - Schorch wollte ausgeliehen werden, um Spielpraxis zu erlangen. Das Ergebnis: Hoeneß bat den Coiffeur hart aber herzlich aus seinem Büro, von den Argumenten des selbst ernannten Beraters wenig überzeugt.
Der Auftritt bei Hoeneß wird den ohnehin nicht allzu großen Chancen auf einen Stammplatz nicht wirklich zuträglich sein. Zwar ist mit dem unrühmlichen Abgang Van Buriks ein Platz in der Innenverteidigung neben Josip Simunic frei, doch drängt ausgerechnet Nationalspieler Arne Friedrich in diese Lücke. Vielleicht hätte Hoeneß dem Ansinnen des Friseurs stattgeben sollen, damit Schorch wirklich Profi-Fußballluft schnuppern kann.
Der Bayern-Spielmacher der Zukunft
Angeblich haben die Bayern ihm schon die Nummer zehn für die Zukunft reserviert, doch in diesem Jahr wird Toni Kroos erst einmal mit der 39 auflaufen. Der 17-Jährige war im letzten Jahr für 100.000 Euro Ablöse von Hansa Rostock an die Isar gelotst worden. Welches Talent dem U17-Nationalspieler bescheinigt wird, zeigen die damaligen Angebot von Chelsea, Schalke, Bremen und Stuttgart.
An der Säbener Straße hält man viel von Kroos, nicht nur Uli Hoeneß und Trainer Ottmar Hitzfeld loben den Mittelfeldspieler, auch Oliver Kahn setzt seine Zukunftshoffnungen in das Talent: "Der Junge hat unglaubliche Ansätze. Er ist fußballerisch das Beste, was ich seit Jahren aus dem Nachwuchsbereich gesehen habe", sagte der Torwart in der SPORT BILD.
Obwohl eigentlich noch für die B-Jugend spielberechtigt, setzte Hitzfeld ihn bereits im Februar bei einem Turnier in Österreich ein und berief ihn für die neue Saison zum Training in den Kader der Profis. Ein richtiger Schritt, wie A-Jugendtrainer Kurt Niedermayer findet. "Die Jugend stellt für Toni keine Herausforderung dar", so der Nachwuchscoach gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Der Erbe des Brasilianers
Ein anderer Spieler hat bereits die zehn in seinem Verein erhalten: Der mit viel Vorschußlorbeeren bedachte Ivan Rakitic trägt bei Schalke bereits das schwere Erbe des Brasilianers Lincoln - wenn auch erst einmal nur auf dem Rücken.
Der 19-Jährige, der gerade erst mit dem FC Basel den Schweizer Pokal gewinnen konnte, weist sogar schon internationale Erfahrung auf: Für die Schweizer absolvierte er fünf Spiele im Uefa-Cup.
In die sehr großen Schuhe Lincolns muss der kroatische Nationalspieler allerdings noch hineinwachsen: "Zweifellos bringt Rakitic die Qualität mit, sich in der Bundesliga durchzusetzen - aber das ist nicht das Ziel", befand Schalke-Legende Marc Wilmots im kicker. "Bei Schalke geht es um den Meisterschaftskampf und die Champions League, beides sind Kategorien, in denen man von einem jungen Spieler nicht zu viel erwarten darf. Denn Qualität ist die eine Sache - auf dem Platz entscheidet auch Erfahrung."
Die fehlt Rakitic ohne Zweifel noch und auch Mitstreiter Mesut Özil wird den verwaisten Platz der zu Galatasary Istanbul abgewanderten alten Nummer zehn nicht sofort einnehmen können - doch auf Schalke regiert das Prinzip Hoffnung, dass die geschätzten fünf Millionen Euro Ablöse sich schnell rentieren mögen.
Von der Ober- in die Bundesliga
Für Heinrich Schmidtgal scheint der Weg nach oben zu gehen. In der vergangenen Saison wirbelte der 21-Jährige noch im Mittelfeld des SC Verl und überzeugte die Bochumer Scouts beim Spiel gegen die Zweite des VfL - jetzt singt Trainer Marcel Koller in den Ruhr Nachrichten das Loblieb auf den gebürtigen Kasachen: "Er kann beißen und hat einen unglaublichen Willen. Im Testspiel gegen Split hat er im defensiven Mittelfeld sehr intelligent gespielt."
Gleich im ersten Testspiel durfte Schmidtgal ran, gibt sich trotz des Lobes aber bescheiden: "Ich habe noch einen weiten Weg vor mir", solche Aussagen erfreuen gerade bei den heutigen Jungstars auch das Herz des Übungsleiters.
Der weite Weg wird natürlich durch die bereits vorhandenen Stammkräfte oder Neuzugänge wie Marc Pfertzel verbaut – doch der erste Schritt ist für Schmidtgal gemacht. Und sollte er ähnlich agieren wie beim Spiel gegen die Bochumer Amateure und seine Chance nutzen, kann auch ein Marcel Koller nicht an ihm vorbei.
Wir sind Helden
aus Süddeutsche Zeitung vom 21. Mai 2007
Gesamtkunstwerke, spektakuläre Sorgenkinder und Doppelpässe mit dem da oben - eine kitschige Bilanz der Stuttgarter Meisterelf
Tasci? Khedira? Delpierre? Am Samstag sind einige Spieler Meister geworden, deren Namen zu Saisonbeginn noch ziemlich unbekannt waren. Diese Namen stehen exemplarisch für eine Stuttgarter Elf, die ihre Stärke aus der Gruppe bezog - einer Gruppe, die aber nur wegen dieser Namen funktionieren konnte. Hier eine Würdigung - für alle, die immer noch nicht wissen, wer da gerade Meister geworden ist und am Samstag im Pokalfinale gegen Nürnberg sogar das Double schaffen kann.
Tor
Timo Hildebrand (28 Jahre/33 Spiele in dieser Saison/0 Tore) - Verdient Respekt, weil er es schaffte, im kitschigen Stuttgarter Elf-Freunde-Märchen die einzige Krisenpersonalie zu sein. Spielte eine wenig meisterliche Vorrunde und kündigte im Winter kühl seinen Abschied an, der von Manager Heldt kühl angenommen wurde. Dissonanzen, die Einfluss auf seine Leistung hatten: Wurde immer besser. Zeigte die beiden besten Paraden der Saison: Hielt im Bremen-Spiel einen Unhaltbaren gegen Borowski und im Bochum-Spiel einen noch Unhaltbareren gegen Dabrowski. Spielt im Pokalfinale gegen seinen Nachfolger, verabschiedet sich vielleicht mit zwei Titeln und auf jeden Fall mit den Tränen in den Augen. Ach, Timo. Was für ein Edelkitsch.
Abwehr
Ricardo Osorio (27/27/1) - Rechtsverteidiger, der als erster Mexikaner der Bundesliga in die Geschichte eingeht (weil: kommt im Alphabet vor "Pardo"). Ist entweder ein zäher Außenverteidiger, der offensiv gut ist oder ein offensiver Außenverteidiger, der zäh verteidigen kann. Sorgte dafür, dass na-wie-heißt-er-nochmal völlig in Vergessenheit geriet. Ach ja: Hinkel. Hatte vor der Saison auch ein anderes Angebot vorliegen, das er aber nicht angenommen hat. Zum Glück: Wäre sonst mit Gladbach abgestiegen.
Ludovic Magnin (28/22/1) - Schweizer Linksverteidiger, der von sich selbst sagt, er habe eine spektakuläre Spielweise. Berüchtigter Alles-oder-Nichts-Spieler, dessen Flanken entweder Torgefahr oder Lebensgefahr für die Zuschauer hinterm Tor bedeuten. Saß anfangs auf der Bank, glänzte aber mit spektakulärer Karriereplanung: war im Sommer fast an den AS Rom verkauft, im Winter fast an Betis Sevilla. Seit Januar in unfassbarer Form, war im Februar bestimmt der beste Spieler aller Zeiten. Konnte diese Form nicht ganz halten, ist aber immer noch der beste Magnin aller Zeiten.
Serdar Tasci (20/26/2) - Innenverteidiger und Armin Vehs großes Sorgenkind. Stammt aus der eigenen A-Jugend, ist aber leider schon so gut, dass der Trainer ihn unmöglich draußen lassen kann, auch wenn die Stamm-Verteidigung Delpierre/Meira gesund ist. Darf dann manchmal Rechtsverteidiger spielen und den ersten Mexikaner der Bundesliga verdrängen. Furchterregend cool für einen 20-Jährigen, ball- und stellungssicher, offensiv noch vorsichtig. Sohn türkischer Eltern, der sich für die deutsche U21 entschieden hat und kurz vor einer Berufung in die A-Nationalelf steht. Völlig zu Recht, denn: Warum sollte man Madlung nehmen, wenn man Tasci haben kann?
Fernando Meira (28/20/3) - Eleganter, technisch versierter Innenverteidiger. Der Portugiese stoppt jene Bälle lässig mit der Brust, die Daniel van Buyten nach vorne bolzt. Kapitän, der nicht Führungsspieler heißen muss, um einer zu sein. Ist vielleicht der weltweit einzige Klient der Spielervermittleragentur Rogon, der nicht bei Schalke spielt. Ist als einziger VfB-Spieler auf keinen Fall zu ersetzen, es sei denn durch Serdar Tasci. Hat aber bei der Meisterehrung die Meisterschale falsch rum gehalten. So nicht!
Matthieu Delpierre (26/33/0) - Französischer Innenverteidiger, eine der wenigen erfreulichen Hinterlassenschaften der Trapattoni-Ära. Saß trotz unübersehbarer Länge (1,93m) unbeachtet auf der Bank, bis Catenaccio-Freund Trapattoni das Catenaccio-Potential in ihm entdeckte. Verteidigt wie ein Italiener: defensiv, kopfballstark, viel Übersicht. Galt lange als das Geheimnis der Stuttgarter Kompaktheit, aber ach: Inzwischen ist halb England und (angeblich) der FC Bayern hinter ihm her. Ist als einziger Leistungsträger nur noch bis 2008 gebunden. Vorteil: Der VfB müsste keinen Nachfolger holen. Er hat ja Serdar Tasci.
Arthur Boka (24/19/1) - Linksverteidiger, von Horst Heldt bei der WM gescoutet und Sekunden vor Ablauf der Transferfrist aus Straßburg geholt, als Nachfolger von Magnin. Konnte ja nicht wissen, dass Magnin plötzlich bleibt. Kleiner Seitenlinienartist, der den Kosenamen Roberto Carlos von der Elfenbeinküste führt. Kann flanken, dass selbst Magnin neidisch wird. Überragende Vorrunde, anschließend tiefer Sturz ins WM-Loch. Trägt seitdem den inoffiziellen Titel "spektakulärster Banksitzer der Liga". Will in der neuen Saison den Titel an Magnin weiterreichen - hat aber nach Tätlichkeit und roter Karte bei Trainer Veh spektakulär an Kredit eingebüßt.
Andreas Beck (20/4/0) - Rechtsverteidiger. Verdrängte vor einem Jahr na-wie-heißt-er-nochmal, ach ja: Hinkel. Dann lange verletzt. In der eigenen Jugend ausgebildet, guter Techniker. Geboren in Westsibirien (Kemerowo), aufgewachsen auf der Ostalb (Wasseralfingen). International erfahren, so gesehen.
Markus Babbel (34/2/0) - Innenverteidiger, theoretisch. Saß nur noch auf der Tribüne, kam nicht mehr vorbei an Meira, Delpierre und vor allem an Serdar Tasci. Blieb ruhig, motzte nicht, was clever war. Wird nächste Saison Co-Trainer.
Heiko Gerber (34/0/0) - Linksverteidiger, theoretisch. Saß nur noch auf der Tribüne, kam nicht mehr vorbei am spektakulären Magnin und am spektakulären Boka. Blieb ruhig, motzte nicht, wird aber kein Co-Trainer. Geht nach Ingolstadt, als spektakulärster Linksverteidiger der Regionalliga Süd.
Mittelfeld
Pavel Pardo (30/33/1) - Defensiver Mittelfeldspieler, der als zweiter Mexikaner der Liga in die Geschichte eingeht (weil: kommt im Alphabet nach "Osorio"). Kam im Sommer als Nachfolger von na-wie-heißt-er-nochmal, ach ja: Soldo. Ersetzte den Unersetzlichen mit einer Leichtigkeit, die noch spektakulärer war als Magnins Flanken. Weiser Stratege, der die Tradition der großen ausländischen Sechser beim VfB fortführt (Katanec, Dunga, Soldo). Tat, was ein moderner Sechser tun muss (Räume schließen, Bälle erobern) und noch ein bisschen mehr: Machte nebenher noch schnell das Spiel, bereitete neun Tore vor. Hat fast so viele Länderspiele wie Loddarmaddäus (130), gibt aber weniger Interviews. Sagte nach dem Cottbus-Spiel immerhin: "Ich denke. Alles klar. Meister." Noch spricht Loddarmaddäus etwas besser Deutsch.
Roberto Hilbert (22/34/7) - Rechtes Mittelfeld. Kam im Sommer von Greuther Fürth, dem zweitbesten Ausbildungsverein der Welt nach den Amateuren des VfB Stuttgart. Hochveranlagter Spieler, der sich aber langsam mal entscheiden muss: Will er ein flinker, leichtfüßiger Außenstürmer sein - oder doch lieber ein kompakter, torgefährlicher Mittelfeldspieler? War zuletzt sicherheitshalber alles in einem. Hat in dieser Saison nur einmal richtig schlecht gespielt: bei seinem Länderspieldebüt gegen Dänemark.
Thomas Hitzlsperger (25/30/7) - Linkes oder zentrales Mittelfeld. Eventuell verwandt oder auch verschwägert mit jenem Hitzlsperger, der vor einem Jahr im WM-Kader stand. Möglicherweise ein Zwillingsbruder. Der WM-Hitzlsperger war ein athletischer, schussstarker, langsamer Mittelfeldspieler - der VfB-Hitzlsperger ist ein athletischer, schussstarker, strategisch begabter, Ruhe ausstrahlender, die Kollegen vorbildlich führender, immer richtig stehender Mittelfeldspieler, der - okay, okay - vielleicht nicht ganz der Allerschnellste ist. Stammt vom FC Bayern und hat sich in dieser Saison so prächtig entwickelt, dass er aufpassen muss, dass ihn die Bayern nicht bald zurückholen. Könnte dann aber immer noch seinen Zwillingsbruder schicken.
Sami Khedira (20/22/4) - Zentrales defensives, zentrales offensives, halbrechtes oder halblinkes Mittelfeld. Oder Mittelfeldallrounder. Vehs zweites Sorgenkind. Stammt ebenfalls aus der eigenen Jugend und ist ebenfalls so begabt, dass der Trainer ihn unmöglich draußen lassen kann. Sieht aus wie Meira, ist es aber nicht. Hielt die Meisterschale richtig rum. Edeltechniker, wirkt etwas schwerfällig, hat aber einen sehr schnellen Fuß und einen gestochen scharfen Pass. Kann rackern wie ein Sechser und passen wie ein Zehner. Deutsch-Marokkaner mit Stammplatz in der deutschen U 21, dem auch die Zukunft im Mittelfeld der deutschen A-Elf gehören könnte, dann wahrscheinlich an der Seite des Zwillingsbruders von Thomas Hitzlsperger.
Alexander Farnerud (23/9/0) - Zentrales Mittelfeld. Wer Manager Heldt Böses will, könnte sagen: Ha! Ertappt! Fehleinkauf! Wer es realistisch sieht, könnte sagen, dass man noch gar nichts sagen kann. Als Spielmacher geholt, verletzte sich das schwedische Talent bald und langwierig. Ist wieder gesund und darf für die neue Saison als Zugang gelten. Kann kein Schlechter sein, wenn er zum deutschen Meister wechselt, oder?
Antonio da Silva (28/28/0) - Zentrales, zu selten halblinkes Mittelfeld. Kam vor der Saison aus Mainz und litt unter Farneruds Verletzung: Musste die Spielmacherrolle besetzen, was er nicht so gerne tut. Glänzte selten, aber entscheidend in seiner Lieblingsdisziplin Freistoß: Erzielte das Tor im Pokalhalbfinale in Wolfsburg. Durchwachsene Saison, in der sich zeigte, dass Stuttgart doch was anderes ist als Mainz. Muss nächste Saison wohl den Berliner Bastürk als neuen Konkurrenten fürchten. Hofft jetzt, dass Hertha auch was anderes ist als Stuttgart.
Christian Gentner (21/15/0) - Zentrales Mittelfeld. Begabtes Eigengewächs, das schon früh Verantwortung übernimmt - das war die Rolle, die für ihn vorgesehen war. Zu Vehs und Gentners Überraschung schlüpfte dann aber Khedira in diese Rolle, weshalb Gentner plötzlich überzählig war. Soll und kann gehen.
Daniel Bierofka (28/12/0) - Linke Seite. Ist auch noch da. Der TSV 1860 umwirbt den lange Verletzten. Darf gehen.
Angriff
Mario Gomez (21/25/14) - Schwäbischsprachiger Mittelstürmer mit spanischen Wurzeln. Galt als legitimer Nachfolger von Kevin Kuranyi - aus der eigenen Jugend stammend, groß, kräftig. Ist auch wirklich der gleiche Typ, nur völlig anders. Kein Kombinationsspieler, dafür der weltweit einzige Brecher, der auch dribbeln kann. Als Stürmer ein Gesamtkunstwerk, weil er Wucht und Abenteuerlust mit präzisem Navigationssystem paart. Galt vor der Saison als Talent, gilt jetzt als angehender Weltstar. Durch niemanden zu ersetzen, nicht mal durch Serdar Tasci. Außer natürlich durch Cacau.
Cacau (26/32/13) - Galt vor der Saison als Wackelkandidat, gilt jetzt als angehendes Gesamtkunstwerk. Spielte erst im Schatten von Gomez eine überragende Saison, was kaum einer merkte. Spielte ohne Gomez immer noch eine überragende Saison, was jeder merkte. Gottesfürchtiger Solist, der früher seine Doppelpässe nur mit dem da oben spielte. Hat in den Automatismen des VfB-Spiels jetzt auch das irdische Mannschaftsspiel gelernt. Wäre vor der Saison fast nach Mainz verkauft worden, jetzt könnte von dort der Stürmer Zidan als Konkurrent kommen. Barmherzig ist das nicht.
Benjamin Lauth (25/17/1) - Im Winter aus Hamburg ausgeliehen, überzeugte nur phasenweise. Könnte aber trotzdem ein Hoffnungsträger sein: Er ist fast der einzige in dieser optimierten Mannschaft, der noch Luft nach oben hat.
Marco Streller (25/27/5) - Auch Hoffnungsträger. Hat auch noch Luft nach oben, ziemlich viel sogar. Zuletzt weit entfernt vom Stammplatz, was aber gar nichts macht. Ist der bestgelaunte Banksitzer der Welt, weshalb ihn Trainer Veh gegen Cottbus mit einem Einsatz von Beginn an belohnte. Ach, Armin. Was für ein Edelkitsch.
Warum man nicht mehr Fan des FC Bayern sein kann
aus direkter-freistoss.de vom 4. Mai 2007, Author: Steffen Wenzel,
Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr bekennender Fan des FC Bayern. Bislang begründete ich diese Fan-Mutation gerne damit, dass sie durch meinen nächstälteren Bruder ausgelöst wurde, der in den 70er Jahren Anhänger der glamourösen Borussia aus Mönchengladbach war. Was blieb mir also anderes übrig, als den Erzrivalen zu wählen, um meiner innerfamiliären Distinktion zu genügen?
Soweit zu den Anfängen. Es war eine großartige Zeit, die ich mit dem Club verleben konnte. Man gehörte fast immer zu den Gewinnern, und die wenigen Täler der Tränen schweißten einen eher noch enger an einen Verein, der so wunderschön polarisiert und eben nicht metro-was-auch-immer oder irgendwie dazwischen war. Natürlich kauften die Bayern auch schon damals die halbe Liga zusammen. Ich erinnere nur kurz an den kleinen Karl Del’Haye, der 1980 für 1,3 Mio. DM von Gladbach zu den Bayern wechselte, ohne jemals dort wirklich Fuß zu fassen. Andererseits boten die Bayern aber auch immer wieder Identifikationsfiguren, wie den ewigen Grantler Augenthaler oder Vorstopper wie Schwarzenbeck, Beierlorzer oder Grahammer, die auf ihre hölzerne Art den Balanceakt zwischen mirsanmir und dem späteren FC Hollywood verkörperten. Udo Lattek sagte im DSF vergangenen Sonntag ausnahmsweise etwas, das den Wandel und die Dekonstruktion des FC Bayern München gut beschreibt: Auf den 10 Millionen Euro teuren vermutlichen Fehleinkauf von Daniel van Buyten angesprochen antwortete er, dass sich die Bayern früher die Vorstopper selbst geschnitzt hätten.
Nach dieser Saison wird beim FCB nichts mehr sein, wie es mal war, und dennoch glaubt der Vorstand, mit den alten Mitteln der Krisenbewältigung die neuen Herausforderungen lösen zu können. Erst „versagte“ der Trainer (zwei Doubles hintereinander und zur Zeit der Entlassung war Bayern auf Platz 4, wie jetzt übrigens auch) und dann die Mannschaft. Die Lösung: Sie reaktivieren den alten Trainer und kaufen eine neue Mannschaft. Ein paar junge Ergänzungsspieler (Jan Schlaudraff wird wohl eine ähnliche Entwicklung wie Del’Haye oder auch Tobias Rau nehmen) und fertige Spieler wie vielelicht Klose und Toni oder auch Altintop. Der einzige, der immer bleibt, ist Herr Hoeneß – samt den anderen Altvorderen aus vergangenen, glorreichen Zeiten. Die Situation muss wirklich dramatisch sein, denn der FCB bemüht erstmals im großen Umfang sein Festgeldkonto. Das, was sich Uli Hoeneß in den letzten Jahrzehnten so zusammengeschwäbelt hat.
Doch kein Gedanke wird daran verschwendet, dass nicht nur die Mannschaft krankt, sondern das System als solches. Und dafür bezahle ich gerne drei Euro: der Fisch stinkt vom Kopfe her! Beispiel Jugendförderung: Was hat der gute Uli Hoeneß auf Schweinsteiger herumgeritten (Cousine, Haare, Freundin), so dass der sich lieber von einer Zecke hat beißen lassen, als weiterhin den Buhmann zu spielen. Wie sehr er der Mannschaft fehlt, hat man in den letzten Spielen gesehen. Ich höre nicht einen einzigen schützenden Kommentar von Hoeneß über die unsachgemäße Kritik in der Presse an den Nachwuchskräften Ottl, Lell und Görlitz. Die Ansage ist klar: Wenn die Jungs es nicht nach ein bis zwei Saisons bringen, dann kommt halt wieder die Knute raus, und es geht ab zu den Amateuren. Oder sie werden an die Hachinger ausgeliehen. Jeder halbwegs vernünftige Experte weiß, dass solche Spieler zwei, drei Jahre an der Seite von gestandenen Spielern und in einer intakten Mannschaft reifen müssen. Desto größeren Respekt sollte man Lahm und Schweinsteiger in einer Postweltmeisterschaftssaison zollen. Bei aller gerechtfertigten Kritik über manch schwache Leistung.
Das alles sind Management- und Führungsfehler, die ich verzeihen könnte. Ein Fan muss das, besonders weil Hoeneß und seine Freunde ja auch vieles in den letzten Jahren richtig gemacht haben. Aber die Klose- und van-der-Vaart-Geschichte übertrifft alles bisherige, was Unverschämtheiten anbelangt. Spieler der Konkurrenz direkt vor wichtigen Meisterschafts- oder Pokalspielen zu kontaktieren (wer auch immer den Termin vereinbart hat), passt nicht zu dem Philanthropen Hoeneß, zeigt aber dass der Erfolg der Konkurrenz in diesem Jahr Wirkung gezeigt hat. Frei nach dem Motto: „Wenn wir schon nicht mehr dauerhaft dahin kommen, wo wir eigentlich gottgewollt sein müssten, dann sollen die es auch nicht erreichen“. Eine Strategie kann man an den bisherigen Einkäufen nicht erkennen. Nur die, kräftig auf die Pauke zu hauen, ohne wirklich etwas zu sagen und die Gerüchteküche noch weiterhin anzufachen. Dass Uli Hoeneß nicht mehr auf der Höhe seiner Manager-Zeit ist, konnte man spätestens beim Schlaudraff-Kauf erkennen. Hier ging es um persönliche Eitelkeiten und nicht um die professionelle Führung eines Millionenunternehmens.
Und wenn stimmen sollte, was vermutet wird, nämlich dass Klose bereits einen Vorvertrag für 2008 mit den Münchnern abgeschlossen hat, ist das eine indirekte Erpressung an den Bremern, die ihn natürlich schon jetzt verkaufen müssen, weil kein Bremer Fan einen zukünftigen Bayern-Spieler eine ganze Saison in der Mannschaft duldet. Schon gar nicht, wenn er mal eine Schwächeperiode hat.
Nun könnte man behaupten, das hätten die Bayern doch schon immer so gemacht, und ich hätte es nun auch endlich gemerkt. Oder dabei handelte es sich doch nur um geschicktes oder gar professionelles Management. Glauben Sie mir, so ist es nicht. Gerade haben sich die Koordinaten im deutschen Profifußball zum Schlechten hin verschoben, und ich glaube, der einzige, der es wirklich gemerkt hat, ist Uli Hoeneß selber. Nur, dass sein letzter verzweifelter Feldzug leider den Bayern und auch der Bundesliga langfristig nicht helfen wird. Er, der seinem Team immer ein Vater und Ansprechpartner sein wollte, wird als Heuschrecke nicht mehr zum Kuscheln gebraucht. Der FC Bayern München wird zukünftig ein anderer Club sein, und mein Herz wird diesem Verein nicht mehr gehorchen. Auch andere Mütter haben schöne Töchter.
Jeder Spieltag ein Déjà -vu
aus der Financial Times Deutschland vom 16. April 2007, Redakteur: Rainer Moritz
Am Ende zählt nur der Kampf, am Ende zählen nur die drei Punkte und nicht Schönheitspreise. Ob es ein attraktives Spiel war, danach fragt in zwei Wochen niemand mehr - so klingen sie, Spieltag für Spieltag, die Gebetsmühlenformeln der vor dem Abstieg oder um die Champions-League-Teilnahme zitternden Spieler und Trainer.
Ein Sieg muss her, und sei er so dürftig herausgespielt wie das 2:1 der Stuttgarter. Hauptsache gewonnen, "alles andere ist egal" (Marco Streller). Früher galten diese Beschwörungssätze erst, wenn sich die Saison dem Ende zuneigte.
Heute hingegen herrscht Abstiegsangst von der ersten Minute an, nicht umsonst musste Peter Neururer bereits nach drei Spielen seinen Platz in Hannover räumen. Um "Drecksarbeit" gehe es, so Herthas erfolgreicher Aufrücker Karsten Heine, ums Malochen, ums Rackern - und so sehen sie dann aus die international kaum noch konkurrenzfähigen Bemühungen des Bundesligadurchschnitts. Wolfsburg, Bielefeld, Mainz, Hamburg - sie alle spielen, selbst wenn sie siegen, so, als gelte es, Fleißkärtchen zu sammeln und ja nicht durch überraschende Kreativität zu verblüffen.
Ideenarmut waltet fast überall, und die Spielanlage ist so differenziert wie Günther Oettingers Filbinger-Gedenkrede. Oder mit den meist unzweideutigen Worten des Hamburger Torstehers Frank Rost gesagt: Das "Fußballerische" kommt in der Bundesliga zu kurz, eine schmerzhaft wahre Formulierung. Man stelle sich vor, beim Handball fehle das "Handballerische", beim Skispringen das "Skispringerische".
Rost hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Bundesliga, von Bremer Sternstunden abgesehen, eine Ansammlung mittelmäßiger Not-und-Elend-Vereinigungen ist. "Gelingt ein Déjà -vu zum letzten Wochenende?", fragte grammatikalisch kühn ein ARD-Reporter, als die Wolfsburger sich kurzzeitig aufmachten, ihren 0:3-Rückstand wettzumachen. Ja, bei Lichte besehen, erleben wir jedes Wochenende ein Déjà -vu: immer der gleiche Angsthasenfußball, immer Absicherung, immer Durchhalteparolen. Da ist es nur logisch, dass Werner Lorant im deutschen Profifußball wieder Fuß fasst. Irgendwo wird sich auch wieder ein Plätzchen für Egon Coordes oder Rolf Schafstall finden. Und könnte Peter Neururer nicht rasch das Ruder in Mainz übernehmen? Kommt auch nicht mehr drauf an.
Die Ungewissheit ist Lauths ständiger Begleiter
aus der Stuttgarter Zeitung vom 5. April 2007, Redakteur: Matthias Schneider
STUTTGART. Wenn der VfB Stuttgart am Samstag beim HSV antritt, wird das vor allem für Benjamin Lauth keine Partie wie jede andere sein. Der 25 Jahre alte Stürmer ist von den Hamburgern nur ausgeliehen. "Ich freue mich auf die Kollegen", sagt er.
Benjamin Lauth sticht einem nicht sofort ins Auge an diesem kalten Mittwochmorgen auf dem Trainingsplatz des VfB Stuttgart in Bad Cannstatt. Torschusstraining hat der Trainer Armin Veh aufs Programm gesetzt. In zwei Gruppen sprinten die Feldspieler auf die nebeneinander postierten Tore zu. Der Ball wird von links und rechts gepasst, mit einem Kontakt angenommen, dann soll ein beherzter Abschluss folgen, bevor sich der Profi wieder hinten in seiner Gruppe anstellt.
Benjamin Lauth ist an diesem Vormittag der rechten Gruppe aus Sicht des Torwarts zugeteilt worden. Doch man hört ihn nicht. Man hört den Schweizer Ludovic Magnin, wie er jeden seiner Schüsse mit einem freudigen Jauchzen kommentiert, oder mit einem lang gezogenen "Ooooooh", je nach Resultat. Auch Thomas Hitzlsperger wirkt wie aufgedreht, der Spaß am Spiel ist unübersehbar, als sei der über das Jahr 2008 laufende neue Vertrag, derzeit in Arbeit und so gut wie fertig, bereits unterschrieben. Bei beiden wackelt nicht selten das Netz, auch der Stürmer Marco Streller trägt mit sehenswerten Spannstößen zur allgemeinen Erheiterung bei.
Benjamin Lauth bleibt beinahe unsichtbar, lautlos gleitet er zwischen der guten Laune hindurch. Nur selten findet der Ball den Weg ins Netz. Tut er es doch, dreht Lauth reglos ab und stellt sich wieder hinten an. So geht das 30 Minuten lang. Gestört wird die Gemeinschaft nur von den verletzten Stammspielern Delpierre, Tasci und da Silva, die mit dem Physiotherapeuten Gerhard Wörn an ihrer Seite joggend den Trainingsplatz umrunden. Alle drei plagen sich mit Malaisen herum, werden aber dringend gebraucht - Tasci und Delpierre vor allem. Wenn es die Heilung zulässt, werden sie am Samstag gegen den Hamburger SV spielen. Sie gehören zu Armin Vehs Achse der Unantastbaren.
Benjamin Lauth zählt nicht dazu. Dabei ist es doch gerade für ihn keine Begegnung wie jede andere. Vom Hamburger SV ließ er sich nach zweieinhalb Jahren im Winter ausleihen, um beim VfB Stuttgart zu beweisen, dass ihm seine Kritiker Unrecht tun. Jene Menschen, die behaupten, der fünfmalige Nationalspieler leide an einer Krankheit names Phlegma. Lauth kennt diese Vorwürfe, sie verfolgen den Mann, der in der Jugend des 1860 München groß wurde und als größtes Talent im deutschen Fußball galt, schon seit Jahren. Doch entkräften kann der 25-Jährige die Kritik auch an diesem Morgen nicht. Zwar verrichtet er seinen Dienst ohne Beanstandung, doch er wirkt nicht wie einer, der um seine Chance mit Haut und Haaren kämpft. Er sei zu bequem, haben sie ihm in Hamburg vorgeworfen. Er hat sich nicht laut dagegen gewehrt, sondern ist in stille Opposition gegangen, hat sich noch ein bisschen tiefer in sich selbst zurückgezogen.
Kurz nach der ersten von zwei Einheiten an diesem Tag steht er im Kabinentrakt und sagt mit fast tonloser Stimme, er freue sich auf die alten Kollegen aus Hamburg. Er sei schließlich nicht im Unfrieden geschieden. Ob er spielt, weiß er nicht. Er fordert seinen Einsatz nicht. Die Leistung lässt derlei Ansagen nicht zu, vor allem aber seine introvertierte Art nicht. Zwar hat er gegen Aachen das vorentscheidende 2:1 erzielt, doch der Konkurrent Streller hat auch getroffen. Nein, es gibt nichts zu fordern. Ein Tor reicht dazu noch nicht. In Stuttgart wissen sie auch nach zwei Monaten noch nicht, was sie von ihm halten sollen, ob sie ihn behalten wollen. Lauth muss abwarten, er würde gern bleiben, "im nächsten Jahr spielen wir international, die Perspektive stimmt". Doch planen sie mit ihm? Er weiß es nicht.
Zwei Stunden später, es ist mittlerweile 13 Uhr, sitzt der Trainer Armin Veh vor der Presse und dementiert erst einmal das Gerücht, er habe in der Vergangenheit seine Haare gefärbt. "Ich hatte nie eine Tönung, ich bin ja kein Weib!" Nach Lauths Aussichten am Samstag wird er dann auch noch gefragt. "Es kann sein, dass wir uns mal als Mannschaft nach hinten fallen lassen und die Hamburger kommen lassen, das spräche für Lauth, er ist ein guter Konterstürmer." Ein Hoffungsschimmer, der sich allerdings schnell verflüchtigt, denn Veh fährt fort: "Andererseits muss ich auch an die Standards denken, da ist der Strelli besser." Benjamin Lauth verharrt bis auf Weiteres zwischen Baum und Borke beim VfB und wohl auch in seiner Karriere. Wie lange noch?
Mr. Wong
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