Zwischenfazit nach dem Achtelfinale
aus Worldcupwiki
56 von 64 Spielen sind absolviert. Die acht letzten Mannschaften und wir Fans dürfen uns zwei Tage erholen, bevor es mit dem Viertelfinale weitergeht - Zeit für eine kritische Zwischenbilanz:
Abgesehen von der großartigen Stimmung und der tollen WM-Organisation ist das Nievau und die Spielqualität nicht so hoch wie bei der herausragenden Euro 2004 (auch wenn Griechenland mit einer Defensivtaktik letztenlich Europameister wurde). Die Trefferausbeute bei der Weltmeisterschaft 2006 bleibt mager. Bis vor dem Viertelfinale wurden insgesamt 132 Tore erzielt. Dies entspricht einem Schnitt von 2,36 Treffern pro Partie. Nur bei der WM-Endrunde 1990 in Italien, die mit dem dritten deutschen Titelgewinn endete, wurde mit 2,21 ein schlechterer Durchschnitt erzielt.
Der Weltfußballverband FIFA hatte zwar aus dem Desaster der letzten WM, als die Stars allesamt müde waren und sich eine deutsche Mannschaft mit einer Defensivtaktik gegen zweitklassige Gegner mit drei 1:0-Siegen ins Finale mogelte, gelernt und einen Monat Pause vor dem Wettbewerb angeordnet.
Trotzdem sehen wir reihernde Briten, enteierte Italiener, zuspätkommende Holländer, moppelig-lethargische Brasilianer, Endzeitstimmung in den letzten zehn Minuten, wenn die Spieler sich kaum noch auf den Beinen halten können.
Zu viele Teilnehmer?
Der Spiegel schlägt eine Entschlackung des Wettbewerbs vor (vgl. hier (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,423031,00.html)). Hätte man beispielsweise auf einen Verteter Asiens, eine afrikanische und eine mittelamerikanische Mannschaft verzichtet und zudem auf einige der europäischen Mannschaften, die sich erst in den Play-offs qualifiziert haben, dann wäre die Vorrunde wahrscheinlich spannender gewesen. Das alte Problem der Weltmeisterschaften: Will man möglichst hohe fußballerische Qualität, oder will man sehen, wie Trinidad zusammen mit Tobago spielt.
Ich will Trinidad sehen. Aber diese einst liebenswerten Außenseiter haben sich zu argen Spaßbremsen entwickelt. Es gibt keinen afrikanischen oder gar karibischen Stil mehr, stattdessen spielen alle diese Mannschaften wie ein Abstiegskandidat bei Bayern München mit einem 9-0-1 System. Dass die FIFA härter als sonst durchgreift, wenn eine Mannschaft auf Zeit spielt, ist die richtige Maßnahme.
Hat vielleicht doch Nick Hornby (http://de.wikipedia.org/wiki/Nick_Hornby) recht, der im Spiegel sagt, die Weltmeisterschaften seien sportlich zu schwach im Vergleich zur Champions-League? (vgl. hier (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,420552,00.html))
Das ist gar keine Frage. Aber gerade auf diese kleinen Makel hatte ich mich ja gefreut.
So wie eine Frau zu wahrer Schönheit einen Hauch von Hässlichkeit in sich tragen muss, lebt ein Fußballspiel von Fehlern, die es richtig in Schwung bringen. Aber niemand traut sich mehr, diese Fehler zu machen.
Das ist auch der Kern meines Vorwurfs an Italien. Diese zur Schau gestellte Angst, ein Gegentor zu kassieren, anstatt darauf zu vertrauen, dass man vorne Francesco Totti, Filippo Inzaghi, Luca Toni hat.
Diese Selbstversklavung der Engländer, die sich nicht trauen, Tempofußball zu spielen, weil sie Angst haben, dann am Ende Fehler zu machen. England spielt unterirdisch und David Beckham kriegt schon das Kotzen dabei.
Trend zum Minimalfußball
Übrig bleiben die Brasilianer. Und die sehen es gar nicht ein, mehr zu tun als nötig.
Die Mannschaften versuchen scheinbar das System Griechenland zu kopieren. Bei der Euro 2004 in Portugal hatte sich die Elf des deutschen Trainers Otto Rehagel mit einer unschönen Defensiv-Taktik gegen alle attraktiver spielenden Teams durchgesetzt. Von Otto lernen heißt Siegen lernen?
Seit 2004 scheint es so, versuchen auch die Vereine in den Ligen mit defensivem Spielsystem sich durchzusetzten. Italien ist sowieso schon länger dafür bekannt, in Deutschland spielte nur Bremen in der letzten Saison einen erfrischenden Offensivfußball, in England ist es Arsenal London, und selbst Champions League-Sieger Barcelona stellt sich gerne mal hintenrein - und das erfolgreich. In Frankreich überlegt man sogar schon länger, neue Regeln einzuführen, weil so wenig Tore fallen (vgl. hier (http://www.sportforen.de/archive/index.php?t-33254.html)).
Wenn aber irgendwelche Fußball-Offiziellen wie Pelé, Sepp Blatter oder Franz Beckenbauer ins Mikrofon brabbeln, hört man fast immer nur den Satz "so viele tolle Spiele".
Die positiven Ausnahmen
Wenn nicht Deutschland, Spanien (zumindest in der Vorrunde) und Argentinien bisher so tollen Fußball gezeigt hätten, dann wäre das rein spielerisch eine der schwächsten Weltmeisterschaften seit langem. Leider.
Nur schade, dass jetzt im Viertelfinale, die zwei am attraktivsten spielenden Teams Deutschland und Argentinien aufeinander treffen.
Wenigstens ist das Publikum tatsächlich toll. Die Zuschauer sind diesmal fachkundig, anders als beim letzten Turnier. Es jubelt jetzt, wenn ein Tor fällt, nicht, wenn es Einwurf gibt. Verständlich ist auch, dass die Kölner Zuschauer bei müdem Gekicke wie bei Schweiz - Ukraine gegen die Langeweile "Lukas Podolski" oder "Ohne Holland fahren wir zur WM" singen. Lobenswert ist die gesamte Stimmung im Land, das neue Selbstbewusstsein (Stichwort: Patriotismus) und die Fan-Partys (aber darüber war ja in letzter Zeit schon genug zu lesen).
Gespannt kann man sein auf das Viertelfinale in dem sechs Weltmeistermannschaften stehen. Als Überraschung ist Neuling Ukraine noch dabei.
Mr. Wong
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